Im Frühjahr 1990 ist Manfred Stolpe noch nicht davon überzeugt, ob er einer politischen Partei angehören sollte. Helmut Kohl hat ihn für seine „Allianz für Deutschland“ gewinnen wollen, erzählt er rückblickend. Aber im Sommer fällt seine Wahl auf die märkische SPD, er bleibt ihr bis zum Ende treu und prägt mit ihr das junge Land Brandenburg.

Manfred Stolpe stirbt am 29. Dezember 2019 nach langer Krankheit. Parteiübergreifend wird er als Gründervater des Landes Brandenburg hervorgehoben, als Kirchenmann und Pragmatiker, Menschenfreund und Demokrat. Die Abschiedsfeier in der Potsdamer Nikolaikirche im Januar 2020 ist bewegend. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier lobt Manfred Stolpe als Brückenbauer.

Nie hat man Manfred Stolpe arrogant, aufbrausend, aggressiv erlebt. Stolpe ist arbeitsam, gebildet, diszipliniert. Er ist selbstbewusst und will andere selbstbewusst machen. Ihm liegt nicht an der Macht, aber er kann mit Macht umgehen, um Menschen zu helfen. Er kann reden, zuhören, vermitteln, ausgleichen, überzeugen. Helmut Schmidt nennt ihn „einen mit innerem Kompass“, ein Mensch, der spürt, was die anderen brauchen, fühlen, wünschen und dann in der Lage ist, daraus Politik für alle zu formen. Die Zuverlässigkeit Stolpes ist legendär. Noch mit 80 Jahren teilt er per Fax mit, ob er der Einladung zu einer Sitzung folgen wird oder nicht. In ihm paaren sich „preußische Disziplin und hinterpommersche Sturheit“, wie Ingrid Stolpe ihren Mann beschreibt.

Geboren wird Manfred Stolpe am 16.05.1936 in Stettin, er macht in Greifswald Abitur und studiert ab 1955 Rechtswissenschaften an der Universität Jena. Von 1959 bis 1969 arbeitet er bei der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, leitet dann das Sekretariat des Bundes der Evangelischen Kirchen der DDR und ist von 1982 bis 1990 Konsistorialpräsident der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg. Nach seiner Zeit als Ministerpräsident Brandenburgs tritt er am 22.10.2002 das Amt des Bundesministers für Verkehr-, Bau- und Wohnungswesen im Kabinett von Gerhard Schröder an, das er bis 2005 innehat. Manfred Stolpe ist Träger des großen Bundesverdienstkreuzes mit Stern, des Verdienstordens des Landes Brandenburg und vieler anderer Auszeichnungen und Ehrungen. Er ist Ehrenvorsitzender der SPD Brandenburg seit 2002.

Für sein Lebenswerk und für seinen Beitrag zur inneren Einheit Deutschlands wird Stolpe besonders oft und herausgehoben geehrt. Um das zu verstehen, müssen wir uns in die Lage der Menschen im Osten in den frühen 90-er Jahren hineinversetzen: „Abwicklung“ von Betrieben, Rückübertragungsansprüche, Arbeitslosigkeit, der „Beitritt“, Abhängigkeit von Zahlungen aus Westdeutschland, das Gefühl, was man in der DDR geleistet hat, ist auf einmal nichts mehr wert. Und in dieser Situation gibt es einen Ostdeutschen, gebildet, klug, der den westdeutschen Politikern in jeder Hinsicht das Wasser reichen und knallhart verhandeln kann, einer, der bei alledem bescheiden, höflich und ruhig bleibt. Manfred Stolpe ist eine extrem wichtige Figur für das Selbstbewusstsein der Menschen im Osten und gerade in Brandenburg. Der Mutmacher. Einer, der die ostdeutschen Menschen versteht und ihre Interessen vertritt. Gemeinsam mit Regine Hildebrandt hat er ein hohes Verdienst daran, dass die Ostdeutschen sich nach und nach mit dem Land Brandenburg, dem Staat und dem vereinten Deutschland als ihrer Heimat identifizieren konnten.

 

Bild: Oliver Lang