Am 15.11.2005 hält Matthias Platzeck auf dem SPD-Bundesparteitag in Karlsruhe eine begeisternde Vorstellungsrede. Mit nur zwei Gegenstimmen wird er zum Parteivorsitzenden gewählt. In den Mittelpunkt seiner neuen Politik stellt er das Konzept des vorsorgenden Sozialstaats und die Kinder- und Familienpolitik. Im Oktober war Franz Müntefering als Parteivorsitzender zurückgetreten.

Matthias Platzeck:
„Unser Land ist buchstäblich das einzige auf der Welt, das in seiner jüngeren Geschichte das Zusammenwachsen zweier so radikal unterschiedlicher Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen zu bewältigen hatte. Auf den Erfahrungen dieser Zeit im Umgang mit Prozessen des Umbruchs, des Wandels und der Erneuerung können wir in unserem Lande sehr selbstbewusst aufbauen. Meine Erfahrung aus den vergangenen 15 Jahren Aufbau Ost lautet: Soziale Gerechtigkeit ist auch heute noch eine Frage der materiellen Verteilung. Natürlich ist sie das. Aber zugleich ist soziale Gerechtigkeit heute mehr denn je eine Frage der Verteilung von Lebenschancen, eine Frage der aktiven Zugehörigkeit, eine Frage des Mitmachens und zunehmend eine Frage des Mitmachen-Könnens.“

Platzeck reißt die Delegierten des Bundesparteitages in seiner Rede mit.
„Schaffen müssen wir es auch, die Partei für Kinder und die Partei für Familien in Deutschland zu sein. […] Deshalb wird auch die neue Bundesregierung Familien fördern und ihnen das Leben erleichtern. Deshalb werden wir das Elterngeld einführen, deshalb werden wir die Kinderbetreuung steuerlich fördern und deshalb werden wir die Angebote zur Tagesbetreuung von Kindern und die Ganztagsbetreuung ausbauen – damit Familie und Beruf in unserem Lande in diesem Jahrzehnt, in diesem Jahrhundert gut vereinbar sind. Das brauchen wir, wenn wir Zukunft haben wollen, liebe Freundinnen und Freunde.“

„Wir wissen: Gemeinsamkeit, eine Kultur des Vertrauens und des Miteinander machen stark, und zwar jeden einzelnen Menschen und die ganze Gesellschaft. Genau das schafft soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Dynamik zugleich. Wir wissen, wenn wir soziale Gerechtigkeit wollen, dann brauchen wir wirtschaftliche Dynamik. Damit wir wirtschaftliche Dynamik bekommen, brauchen wir soziale Gerechtigkeit. Dynamische Wirtschaft und Innovation auf der einen Seite, sozialer Schutz, Bildungs- und Lebenschancen für möglichst viele Menschen auf der anderen Seite, beides unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts bekommen wir immer nur zusammen. Beides ist nur gemeinsam möglich, nie gegeneinander und nie ohne einander. Für das Zusammenfügen dieser beiden Aspekte stehen wir. Das ist sozialdemokratische Sicht auf die Welt. Wirtschaftliche Dynamik und sozialer Zusammenhalt, dieses beides gemeinsam in diesem Jahrhundert zu haben, das ist unsere Aufgabe, liebe Genossinnen und Genossen, und der werden wir uns stellen“, so Matthias Platzeck beim Bundesparteitag am 15.11.2005.

Die Zeit, in der Matthias Platzeck den SPD-Vorsitz übernimmt, ist geprägt von den Abstimmungen mit der Politik der ersten Großen Koalition mit Angela Merkel als Bundeskanzlerin und auch von innerparteilichen Auseinandersetzungen über den Kurs der SPD.

Am 11. April 2006 tritt Matthias Platzeck aus gesundheitlichen Gründen zurück und Kurt Beck wird sein Nachfolger.

 

Bild: Marco Urban